DasWunder vonMariupol

 

Die Kinder im Eingangsbereich des HeimsEndlich sind wir am Ziel. Nach langer Fahrt auf holperigen Landstraßen durch die Weiten der ukrainischen Landschaft, vorbei an armseligen Dörfern und an Feldern, so groß und weit wie das Auge reicht, kommen wir in der Hafenstadt Mariupol an. Noch einige Kreuzungen und Kurven und dann kommt der alte Fordbus mit der ausgeschlagenen Federung vor einem schmucken Gebäude zum Stehen. Wir steigen aus und wie auf Kommando stürmen dreißig, vierzig lachende, jubelnde Kinder auf uns zu. Sie strecken uns ihre Hände entgegen und versuchen uns in gebrochenem Deutsch und Englisch zu begrüßen.

Pastor Genadi Mochnjenko heißt uns herzlich willkommen im Kinderheim der „Herz David Gemeinde“. Weil die Abenddämmerung schon begonnen hat, zeigt er uns schnell noch vor dem Dunkelwerden das Heim von außen. Es ist fast nicht zu glauben, dass es sich um dasselbe Gebäude handelt, das ich bei meinem letzten Besuch gesehen habe.

Um es kurz zu sagen, damals war es nach unserem westlichen Verständnis nur noch ein abbruchreifes Objekt, an dem nichts mehr Brauchbares zu finden war. Heute ist es ein voll funktionsfähiges, wirklich ansprechendes Gebäude mit schönen Außenanlagen.

Doch das Innere übertrifft das Äußere. Schnell eilen die Jungs und Mädels vor uns her und zeigen uns stolz ihre einfachen aber sauberen, freundlichen Zimmer. Dazu gibt es alle für solch ein Heim erforderlichen Räume und Einrichtungen, alles in einem ordentlichen, ansprechenden Zustand. Doch das Beste, das alles Positive in diesem Haus noch übertrifft, sind die Kinder selber sowie die Erzieher, die Helfer, die Heimeltern Galina und Grigorij, und nicht zuletzt Pastor Genadi und seine Frau Helena. Sehr schnell merkten wir, wie wohl die Kinder sich hier fühlen. Eine fröhliche, friedvolle Atmosphäre waltet in diesem Heim, das vor nur knapp zwei Jahren noch eine abbruchreife Bauruine war.

Das Ganze wirkt für uns wie ein Wunder. Wir sind neugierig zu erfahren, wie das alles zustande kam. Bei einer Tasse Tee im gemütlichen Andachtsraum erzählt uns Pastor Mochnjenko seine Geschichte:

„Alles hat etwas sonderbar begonnen. Zuerst überhaupt nicht mit Kindern sondern mit einem alten, baufälligen Gebäude.
Für viele Gemeinden in der Ukraine ist es problematisch, ihre Gottesdienste in gemieteten, öffentlichen Räumen durchzuführen. Damit sind sie dem Risiko ausgesetzt, von heute auf morgen auf der Straße zu stehen. Deshalb versuchten wir als Gemeinde vor knapp drei Jahren einen alten, zerfallenen Kindergarten für uns zu kaufen, genau dieses Gebäude hier, in dem sich heute das Kinderheim befindet.

Das KinderheimDer Besitzer verlangte für das heruntergekommene Objekt einen viel zu hohen Preis. Nach Anzahlung einer gewissen Summe erlaubte er uns jedoch, das Gebäude zu renovieren, zu benützen und den Kaufpreis in Raten über drei Jahre verteilt zu bezahlen. Damit begann für unsere Gemeinde wohl die schwerste Krise, durch die sie bisher gegangen war: Wir hatten weder das Geld, das Gebäude zu renovieren noch den hohen Kaufpreis zu bezahlen.

Ein ganzes Jahr versuchten wir dieses Problem in den Griff zu bekommen, doch eher das Gegenteil war der Fall. Die damit verbundenen Sorgen drohten mir und meinen Mitverantwortlichen über den Kopf zu wachsen. In dieser schweren Situation ereignete es sich, dass an einem eiskalten Wintertag im Februar 2000 plötzlich eine Gruppe von fünfzehn halb erfroren, halb verhungerten Straßenkinder vor unserer Türe stand und inständig um Einlass bat. Die Kinder waren völlig am Ende, schmutzig, dürftig bekleidet, voll von Läusen und einige von ihnen rauschgiftsüchtig. Obwohl es überhaupt nicht zu unserer schwierigen Gemeindesituation passte, nahmen wir ohne zu zögern alle fünfzehn Kinder auf. Zusammen mit meinen Helfern richteten wir Unterkünfte für sie ein und versorgten sie rundum in jeder Hinsicht. Genau das war der Anfang des Kinderheims der Herz David Gemeinde in Mariupol.

Die Versorgung, Erziehung und Betreuung von fünfzehn heruntergekommenen Straßenkindern ist keine Kleinigkeit. Die Gemeinde opferte sich mit allen verfügbaren Mitteln für diesen Dienst auf. Dazu kam, dass immer mehr von diesen bedauernswerten Geschöpfen, von denen es in der Ukraine Tausende gibt, aus den Kanalisationen, Heizungsschächten, Bauruinen herauskamen und um Aufnahme bittend an die Tür unserer Gemeinde klopften. Damit wurde uns immer deutlicher, dass wir diese große Aufgabe in dieser spontanen, improvisierten Weise so nicht weiter durchführen konnten. Ohne ein geeignetes Haus, fähiges Personal und ausreichende Finanzen kann niemand diesen Dienst tun. Aber wo sollte das alles herkommen?

Das angezahlte Haus war immer noch im selben desolaten, unbewohnbarem Zustand. Das wenige Geld, das zur Verfügung stand, wurde für die Versorgung der aufgenommenen Straßenkinder verwendet. Die Situation schien ausweglos und spitzte sich immer mehr zu. Für mich als Pastor war das eine große Last, die Tag und Nacht schwer auf meiner Seele lag. Eines Abends, als ich zu Bett ging, schlief ich wieder wie so oft mit diesen Gedanken und Sorgen ein. Da hatte ich einen Traum, in dem ich Gott im Gebet um Hilfe anrief. Plötzlich schreckte ich aus meinem Traum und Schlaf auf. Laut und deutlich hörte ich eine Stimme rufen:

„Alles, was du benötigst, will ich dir geben!“ Ich erschrak so, dass ich am ganzen Körper zitterte. Aufgeregt weckte ich Helena meine Frau auf und fragte sie, ob sie denn nicht auch diese Stimme gehört habe. Erst nach Stunden konnte ich wieder einschlafen. Und dann, so unglaublich es klingen mag, wiederholte sich genau derselbe Traum und genau dieselbe Stimme riss mich wieder mit denselben Worten aus dem Schlaf: „Alles, was du benötigst, will ich dir geben!“

Verwirrt und fassungslos stand ich auf. Was sollte ich von dieser sonderbaren Erfahrung halten? Schon am nächsten Tag begann ich Antwort auf diese Frage zu bekommen. Auf unerwartete und für mich bis heute unerklärliche Weise erhielt ich die Gelegenheit, den Direktor einer der größten Fabriken in Mariupol zu treffen und ihm die ganze Not bezüglich unseres Dienstes mit den Straßenkindern ausführlich zu schildern. Dieser hörte mir geduldig zu und schickte kurze Zeit später seinen Stellvertreter, um besagtes Gebäude anzuschauen und um auch die Straßenkinder zu sehen und mit ihnen zu sprechen. Er verabschiedete sich von mir mit den Worten: „Diese Kinder werden ihr Heim bekommen. Wir werden das Gebäude renovieren.“

Eine ganze Brigade von Handwerkern der betreffenden Firma rückte an und renovierte in wochenlanger Arbeit das gesamte Gebäude innen und außen samt den Gartenanlagen. Verschiedene Geschäftsleute unterstützten die Renovierungen finanziell und selbst die städtischen Behörden wurden mobil und beteiligten sich an den Kosten. Durch Finanzen der Europaleitung der Gemeinde Gottes, die für diesen Zweck bestimmt waren, konnte das Hilfswerk SamariterDienst den noch offenen Kaufpreis des Gebäudes bezahlen.“

Pastor G. Mochnjenko (rechts) mit Vertretern der 
      Regierung bei der Eröffnung des Heims
Pastor G. Mochnjenko (rechts) mit Vertretern der
Regierung bei der Eröffnung des Heims
Pastor Genadij mit einem Mädchen unbekannter Herkunft
Pastor Genadij mit einem Mädchen
unbekannter Herkunft

Bei der Eröffnung im Februar 2001 erhielt das Heim den offiziellen Namen „Zentrum zur Rehabilitation von Kindern“. Inzwischen haben bereits über vierzig Kinder dort ein Zuhause gefunden und erhalten täglich körperliche, seelische, geistige und geistliche Versorgung.

Sobald wir genügend Spenden und Patenschaften erhalten, wollen wir die Kapazität des Hauses voll ausnützen und die Zahl der Kinder auf siebzig erhöhen.

Das Heim gilt als mustergültig, erfreut sich durch Presse und TV zunehmender Popularität und hat inzwischen von der Regierung den offiziellen Status erhalten. Repräsentanten der städtischen und der Landesregierung besuchten das Heim, sogar der Gouverneur der Donezkregion. Er sprach mit den Kindern, schüttelte ihre Hände und war von diesem Dienst außerordentlich beeindruckt.

Nie werde ich den Eindruck vergessen: Als wir spätabends das Heim verließen, um weiterzureisen. Alle Kinder versammelten sich, außer den kleineren, die schon im Bett waren. Da standen sie als eine Gruppe, einer der älteren mit einer Gitarre, um uns mit großen, leuchtenden Augen, ein Lied von Gott und seiner Liebe zu singen. Wo wären sie geblieben, was wäre aus ihnen geworden, wenn diesen jammerwürdigen Straßenkindern niemand die Türe zur Liebe Gottes aufgetan hätte? Pastor Mochnjenko drückte uns zum Abschied die Hand, und sagte mit bewegter Stimme: „Ohne diese Kinder möchte ich nicht mehr leben.“

Wir bitten unsere Leser, uns zu unterstützen, diese Kinder in diesem und in anderen Heimen zu versorgen. Danke!

Dieter L. Knopse
Missionsdirektor der Gemeinde Gottes für Zentral- und Osteuropa

 

 


Das Hilfswerk SamariterDienst hilft notleidenden Menschen

und dient zur Ausbreitung des Evangeliums

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